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Der permanente Widerstand fordert die permanente Unterdrückung heraus

Mittwoch 5. Dezember 2007


Von Parvin Ardalan*

International Solidarity Network with Iranian Women’s Movement

„Am Morgen des 9. Juli 2007 erschüttert die aufständische Kreativität erneut den Körper unserer verwirrten Gesellschaft. Sehr schnell verbreitete sich die Nachricht der Verhaftung der Mitglieder des ‚Zentralkomitees des Büros zur Festigung der Einheit‘, Bahare Hedayat, Mohammad Hashemi, Ali Nikounesbati, Mehdi Arabshahi, Hanif Yasdani, Ali Waqfi. Sie sitzen auf dem Boden und sprechen mit uns, durch die eingerahmten Bilder, die sie hochhalten. Der Sitzstreik und das Bild des Sitzstreiks dieser sechs Personen vor dem Gebäude der Amirkabir-Universität ist die kreative Wiederbelebung der Ereignisse von 1999 auf dem Universitätscampus, besonders für die Vergeßlichen. Sie [Studenten] sind es dieses Mal, die anders als die Pressuregroups [Bassiji-Gruppen] uns überfallen und uns auffordern gegen die ansteckende Verwirrung der Zeit kreativ Widerstand zu leisten. Sie zwingen uns die Ereignisse auf dem Universitätscampus vom 9. Juli nicht zu vergessen, sie zwingen uns, den Kampf für die Freilassung der acht Studenten der Amirkabir-Universität nicht zu vergessen. Sie haben ihren Sitzstreik nicht vorher öffentlich angekündigt, aber ihre Präsenz war öffentlich, damit sie den Ängslichen und den Wohlgesinnten etwas entgegen setzen. Der Preis dieser Präsenz ist ihre Verhaftung und die Verhaftung von zehn weiteren Mitgliedern des Büros zur Festigung der Einheit.

In einem Klima, das von der Maklerökonomie und vom Leben auf der Grundlage des Kosten-Nutzen-Denkens bestimmt wird, in dem alle Dimensionen des Lebens kontrolliert und die intellektuelle Angeberei zur politischen Methode der Zeit wird, wird jeder Preis, der zu zahlen wäre, als irrational erklärt, nicht wegen des Druckes und der Unterdrückung, sondern wegen des Schutzes der eigenen politischen und opportunistischen Wirtschaftsinteressen.

Jede Veränderung wird in die Zukunft verschoben. Die Widerstandsbewegungen aber sind ein Zeichen einer bewussten Wahl gegen den ansteckenden und gängigen Fatalismus.

Sie setzen unser Bewusstsein in Aufruhr, nicht weil sie Helden spielen wollen oder Extremisten sind, sondern weil sie sich gegen den Opportunismus der Zeit wenden.

Das öffentliche Zeigen ihrer Bilder, hätte sogar bevor die Nachricht des Sitzstreiks bekannt wurde, ihre Wirkung gehabt. Vielleicht weil ihre Bilder die gewohnten Bilder ihrer Zeit angreifen und den Geist der Menschen bewegen. Niemand kann das blutige Hemd in der Hand von Ahmad Batebi am 9. Juli 1999 vergessen. Wer kann die Bilder vergessen, wie Delalarm Ali auf dem Boden liegt, wie Jila Bijaqub in Handschellen, wie die Frauen am 22. Khordad geschlagen werden.

Welche Legende kann das blutige Bild eines Mädchens ersetzen, das wegen seiner Bekleidung von der Polizei attackiert worden ist?

Welche Legende kann das Bild eines Arbeiters, der sich aus Protest selbst erhängt hat, ersetzen, welche Legende kann das Leid, die Unterdrückung und den Protest dieses Arbeiters übertreffen? Wer kann die blutige Grausamkeit einer Regierungspolitik übertreffen, wenn wir an das Bild eines Mannes denken, dem sie eine Wasserkanne an den Hals gehängt haben, um ihn zu erniedrigen. [Eine Wasserkanne, die man auf der Toilette benutzt]

Welche Geschichte kann mehr Ekel hervorrufen, als das Bild einer Frau oder eines Mannes, die halb im Boden stecken, um gesteinigt zu werden? Diese eindringlichen und bleibenden Bilder, die sich täglich vermehren, setzen dort ein, wo sonst die offiziellen Medien die Proteste verschweigen oder demagogisch als 8 Uhr 30 Nachrichten verkehren und verdrehen. Diese Bilder bleiben und führen zu Augenschmerzen, wie „der Hut von Clemenz“ , der sogar Alpträume verursacht. Die Bilder von den vielen Delarams und Ahmad Batebis jagen einem Menschen Angst ein, denn sie werden nie, wegen den listigen Antworten der Politiker erweichen. Diese Bilder sind Fragmente einer Wahrheit, die sie immer verheimlichen wollen. Es sind Bilder einer offenen Grausamkeit, die kein verklärendes Lächeln der Medien und keine goldenen und illusionären Sätze verheimlichen können. Es sind Bilder von Wirklichkeiten, die die Erinnerungen wach halten.

Im Schatten des schleichenden Putsches In den letzten Monaten haben die Angriffe gegen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen zugenommen. Der schleichende Putsch der sanften Sicherheit ähnelt den Maschinengewehrsalven, die abgeschossen werden, um die Gedächtnisse, die Aktivitäten der Frauenbewegungen, die Arbeit der Syndikate, der Studenten- und der Menschenrechtsbewegung zu zerstören. Sie werden in die Gerichte zitiert, bekommen schwere Urteile, wie Auspeitschen und Gefängnisstrafen. Die illegalen Verhaftungen werden fortgesetzt und ausgeweitet.

Die Verhaftung von Hale Esfandiari, das Ausreiseverbot für Nasi Asima, die unerwarteten Urteile für die weiblichen Mitglieder der Studentenbewegung, für Delaram Ali und Aliye Eqdamdust, die Fortsetzung der Haft der acht Studenten der Amirkabiruniversität, die Verhaftung der Mitglieder des Büros zur Festigung der Einheit, die mit Luftschüssen bei Überfällen auf Wohngemeinschaften einher ging und das Versiegeln eines studentischen Büros, die Verhaftung von Mansur Osanlou, Führer der Busgewerkschaften, die Verhaftung von Amir Jaqubali, Mitglied der Kampagne ‘Eine Million Unterschriften‘, gehören zu den sich übertreffenden Handlungen der Retter der Sicherheit, damit jedes zivilgesellschaftliche Aufatmen der Aktivisten verhindert wird. Es sieht nicht so aus, als ob diese Maßnahmen aufhören. Die Sicherheitsleute sind in Stellung gegangen. Sie wollen nicht, dass es einen nächsten 7. Dezember 1953 gibt [Studentendemonstration gegen den Schah]. Sie sind in Stellung gegangen, damit es keinen 8.März mehr gibt, damit keine Möglichkeit mehr für gewerkschaftliche Proteste existiert, damit keine Gelegenheit mehr entsteht, um bei Wahlen zivilgesellschaftliche Rechte einzufordern, damit sie nicht mehr zulassen müssen, dass wir uns überhaupt bewegen, damit sie sich in einem Klima der kontrollierten Wahlen die Ansammlung der Polizei anschauen - und dies in einer Geschichte machenden Zeit der zivilgesellschaftlichen Bewegungen.

Der Schatten dieser sanften militärischen Sicherheit ist breit. Die Menschen sollen sich an Angst und an militärische Ordnung gewöhnen. Dafür haben sie Instrumente geschaffen, wie der ‚Kampf gegen die schlechte Bekleidung‘ oder der ‚Kampf gegen den Mob‘, damit jeder seinen vorgeschriebenen Weg geht. Die Beamten wissen sehr genau, dass wenn auch in den ersten Jahren der Revolution der Widerstand gegen die Verschleierung oder gegen die Kleidungsvorschriften an sich als eine Auflehnung gegen die ideologischen Werte betrachtet wurde, heute dagegen jedem Beamten, der das Gesetz durchsetzen will klar ist, dass es nicht mehr um die Werte geht. Denn ihre Ansprechpartner sind meistens junge Frauen und Mädchen, die die Revolution nicht kennen. Im Zeitalter der atomaren Ruhe, geht es nur noch um eine illegitime Machtdemonstration, die auf bebenden ideologischen Säulen beruht. Sowohl die Staatsbeamten als auch die Frauen wissen, dass diese Machtdemonstrationen weder dazu führen, dass jemand den religiösen Vorschriften folgt noch dass ein religiöser Führer auch nur versucht Überzeugungsarbeit zu leisten. In Wirklichkeit ist der Krug schon lange zerbrochen. Sogar die Staatsbeamten führen nicht immer die Befehle aus. Dies kann aber selbst ein Grund dafür sein, warum in der Stadt ein militärisches Klima vorherrscht. Vielleicht kann man sagen, dass die nächtliche Verursachung der Benzinkrise und die daraus folgende allgemeine Wut und die polizeiliche Reaktion, um wieder Ordnung herzustellen, in einem bestimmten Maß einfach dazu diente die Präsenz der Polizei in der Stadt und an den öffentlichen Plätzen zu legitimieren, um letztlich der Ilegitimtät Legitimität zu verschaffen.

Angstlos gegenüber dem Projekt der Schaffung von Angst Wir sind bereit und dieses Projekt des Schreckens steht uns gegenüber. Sollen wir denn Angst bekommen und uns isolieren oder wie die anderen, denen es zu eng wurde, auswandern? Sollen wir uns erschrecken lassen, Angst haben vor den Verhören, vor Verhaftungen, Inhaftierungen, ob auf Bewährung, oder ohne? Müssen wir uns vor den Auspeitschungen oder vor den langen Haftstrafen erschrecken lassen? Oder müssen wir gegen diese Umzingelungspolitik Widerstand leisten und unsere Stimme an die Allgemeinheit richten?

Ich schaue mir die Bilder der verhafteten Studenten, Frauen und Arbeiter an. Ich betrachte die Ruhe und die Standhaftigkeit dieser mutigen Menschen. Bekommt die Unterdrückung immer die adäquate Anwort? Es sieht so aus, als ob die Strategie des politischen Systems, die gesellschaftspolitischen Aktivisten zu unterdrücken nicht mehr wie früher aufgeht. Früher zog jeder Schlag gegen die politischen Aktivisten große Folgen nach sich. Manche emigrierten, manche kamen in die Kerker, manche wurden isoliert und blieben zu Hause. In Wirklichkeit gehört es zu den langfristigen Zielen der Herrschaft, die Aktivisten, die sozialen Bewegungen und die gesellschaftlichen Institutionen heimatlos zu machen, damit diese sich nicht langfristig organisieren können. Die größten Angriffe dieser Art waren die systematischen Angriffe gegen die Büros der nationalreligiösen Gruppen. Das Erstarken der studentischen Bassiji-Gruppen und die Einschränkung der Aktivitäten der muslimischen Vereine, zudem die Verhaftung der Verantwortlichen der studentischen Zeitschriften, der Angriff auf die gewerkschaftlichen Büros, die Plombierung der zivilgesellschaftlichen Institutionen und die Schließung des Büros der Festigung der Einheit gehören alle zum Programm unserer teuren Sicherheit. Wie Erdbeben schlagen diese Programme ein, um erneut eine Bewegung auszulöschen.

In Wirklichkeit lässt jedes Treffen, an dem sich die Bewegung organisieren will, die Sicherheitsorgane nicht ruhig schlafen. Die Bewegung könnte doch ein Denken hervorbringen, das eine effektive Macht werden könnte. Daher wird sofort die Kontrollmaschinerie in Bewegung gesetzt, in dem Glauben, dass durch jeden Angriff eine der Bewegungen gestoppt wird.

Es sieht so aus, als ob sich ein solcher Glaube in der Regel durchsetzt und bis zu einem gewissen Maß auch die Aktivitäten einer Gruppe oder einer Bewegung kurzfristig still legt. Aber in den heutigen Zeiten, in denen die zivilgesellschaftlichen Bewegungen ihre Bündnisse mit anderen Bewegungen unter Beweis stellen, in einer Zeit, in der die Bewegungen nicht an einem Ort ausfindig zu machen sind, hauchen diese sich gegenseitig Leben und Geist ein. Ihre allgemeinen Forderungen bewirken, dass sich auch ihre Familienangehörigen nicht nur als eine isolierte heilige Familie schützen, sondern eine aktive Familie werden, so dass keine Angst mehr existiert, wenn sie ohne einen festen Ort leben müssen. In unseren Häusern finden Bewegungen statt, die niemand mehr aufhalten kann. Anders als das, was die Strategen der Unterdrückung sich vorgestellt haben, findet gegen die permanente Unterdrückung ein permanenter Widerstand statt. Denn wenn die staatliche Unterdrückung so direkt und offensichtlich wird, werden Reaktionen hervorgerufen, Ängste verwandeln sich in Mut. Daher erzeugt die permanente Unterdrückung auch nicht mehr so viel Angst und Schrecken. Die Widerstandsbewegung ist bereit jeden Preis zu zahlen, und wird keine Ruhe geben. Die Bewegung wird überall auftauchen.

Ich starre auf die Photos von Bahare Hedayat, von Abdullah Momeni, von Delaram Ali, von Mansour Osanlou, von Aliyeh Eqdamdust. Wie soll ich sie beschreiben? Studentische Aktivisten, Frauenrechtlerinnen, Gewerkschaftler? Oder nennen wir sie alle? Die Delarams, die Bahares, die Mariam Sia, die Osanlous, die Momenis, und und und, wie kann ich sie alle beschreiben? Die gesellschaftlichen Bewegungen haben eine große Macht, die uns Glauben, Standhaftigkeit und Bewegung verleihen, ein glücklicher Zufall, der die Strategen der Unterdrückung in Schrecken versetzt, so dass sie die Unterdrückung verstärken.

Ich starre auf die Photos. Ein kreativer Aufstand, aber friedlich, selbstbewusst und machtvoll schreitet voran und jagt der Angst Angst ein. Es ist kein Schrecken, es ist Wärme, Leidenschaft und Liebe, die der gereizten Gesellschaft Wärme gibt. Es hängt von uns ab, dass dieses pulsierende Herz nicht aufhört zu schlagen.“

* Parvin Ardalan ist eine der bekanntesten in Iran lebenden Frauenrechtlerinnen. Im folgenden Artikel gibt sie ein Bild des Widerstandes gegen die Willkürherrschaft wieder. Der Artikel ist zunächst in der Frauenwebsite Sanestan und dann in der Exilzeitung Rooz erschienen.

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